|
“O ihr naiven Touristen, die ihr in den Ateliers der Genremaler in Rom das römische Nationalkostüm bewundert und dabei wähnt, etwas Naturwüchsiges zu sehen, während ihr in Wirklichkeit nur eine Maskerade vor Augen habt. Wolltet ihr einmal dieser Tradition der Mode entsagen, die euch nur Geheucheltes und Falsches bietet, und hierher kommen, dann würdet ihr sehen, dass es doch noch in einem zu Italien gehörigen Lande etwas Unverfälschtes gibt, welches noch nicht von Lohnbedienten und spekulativen Künstlern modegerecht zugestutzt ist. Aber freilich – ihr liebt mehr euer Rom oder Neapel und die anderen fünf oder sechs Städte, die im Baedeker als unvermeidlich beschrieben werden, ihr wollt lieber das zum tausend und ersten Mal sehen, was schon tausend Mal beschrieben worden ist, und solche Länder wie Sardinien liegen für euch außer der Welt. Und das ist vielleicht auch recht gut, denn es ist ein Glück, dass es noch interessante Gegenden in der Welt gibt, die noch nicht Mode geworden sind und noch nicht allwinterlich von so genannten Vergnügungszügen heimgesucht und von einem Schwarm der Touristen mit roten Büchern unterm Arm, von Stutzern und Modedamen und von ihrem Gefolge, den banditenhaften Kurieren und Lohnbedienten, überlaufen werden. Drum bleibt nur in Rom, ihr lieben Touristen, und verderbt mir solche Länder wie Sardinien nicht.”
Auszug aus: Heinrich von Maltzan, Reise auf der Insel Sardinien, Seite 18-19
|